Fachschaft Sprachwissenschaft
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Vortragsreihe: Sprache und Identität

Die Vortragsreihe "Sprache und Identität" geht im Sommersemester weiter!


Wir wollen uns dieses Mal über die Sprachwissenschaften hinaus bewegen, und mit unseren Nachbarfächern in Kontakt treten. Dafür bieten wir ein hochinterdisziplinäres Programm an. Wir freuen uns darüber dass, Referenten aus verschiedener akademischer Domäne bereit sind, an dieses Projekt teilzunehmen. Wir werden bei der Soziologie mit der Genderfrage anfangen, und über Ethnologie, Japanologie, Finnougristik, und bis zur Experimentelle Phonetik reisen.

PD Dr. Anke Werani (Heute Prof. Dr.)

Sprache und Ich-Identität

In dem Vortrag wird der Frage nachgegangen, inwiefern Ich-Identität mit sprachlicher Tätigkeit verbunden aufgefasst und dargestellt werden kann.
Es wird davon ausgegangen, dass es sich bei dem Zusammenhang von Sprache und Ich-Identität um ein dynamisches Konstrukt handelt, in welchem sich die Ich-Identität einerseits in der sprachlichen Tätigkeit ausdrückt, d.h. als Ergebnis einer interpsychischen sprachlichen Interaktion, und in welchem die sprachliche Tätigkeit andererseits an der Formung der Ich-Identität beteiligt ist, d.h. als Ergebnis von intrapsychischen sprachlichen Attribuierungen der Ich-Identität. Ein besonderes Augenmerk richtet sich somit auf die inter- und intraindividuellen Aushandlungsprozesse, die den Zusammenhang von sprachlicher Tätigkeit und Ich-Identität als Bewegung konstituieren. Die Formung der Ich-Identität und der sprachlichen Tätigkeit ist gewissermaßen ein dynamischer Prozess zwischen den Aktanten. Sowohl Ich-Identität als auch sprachliche Tätigkeit erhalten eine Formung durch – von außen und innen
– zugeschriebene Erwartungen und Bewertungen. Anschließend an die theoretische Ableitung werden, anhand von Beispielen der
Identitätsbildung bei Mehrsprachigkeit sowie der Herausforderung der Bildung von Identität im Zeitalter von social media, die Inhalte
illustriert.

PD Dr. Peter-Arnold Mumm

Sprachgemeinschaft, Ethnizität, Identität

Von „Völkern“ und „ihren“ Sprachen und Kulturen redet die Wissenschaft längst nicht mehr. Aber immer noch gelten Sprachen und Kulturen als Zeugen quasi-ethnischer Gemeinschaft und „Identität“. Zu Unrecht! Der Vortrag soll zeigen:


Sprachgemeinschaft hat mit Ethnizität nichts zu tun. Wenn beide doch aufeinander bezogen werden, dann durch Irrtum oder Gewalt. Sprachgemeinschaft wurzelt in der Kommunikation und ist eine reale Form menschlicher Gemeinschaftsbildung. Ethnizität ist eine fiktive Gemeinschaftsidee. Allerdings wird diese Gemeinschaftsidee auch gelebt und ist wirkmächtig. Sie besteht allein im Gedanken „Wir gegen Andere“. Die Überlegung, wer zu diesem „Wir“ gehört und was „Wir“ wollen – außer „uns“ aus unklaren Gründen entschieden gegen Andere abzugrenzen –, ist für ethnisch denkende Menschen unerheblich. Sie „identifizieren“ sich einfach im großen „Wir“.
„Identität“ ist in diesem Zusammenhang ein hochproblematischer Begriff. Er unterscheidet nicht zwischen – an sich vorhandener – Identität und – konstruiertem und variablem – Identitätsbewusstsein. Hinter Letzterem steht de facto meist eine Subsumtion. Der heute verbreitete Konstruktivismus kennt nur das Identitätsbewusstsein – und nennt es „Identität“. Damit ist die Verwirrung perfekt. Und rein terminologisch ist die Idee festgeschrieben, dass die Selbstverwirklichung eines Individuums in seiner Unterordnung – worunter auch immer – liegt.


Es ist nötig, sich an die logischen Grundlagen des Begriffs Identität, an die realen Grundlagen des Begriffs Sprachgemeinschaft und an die ideologischen Grundlagen des Begriffs Ethnizität zu erinnern. Der Vortrag diskutiert theoretische Stellungnahmen und praktische Beispiele. Die Klärung und Entflechtung der Begriffe Sprachgemeinschaft, Ethnizität und Identität ist für jeden Sprach- und Kulturwissenschaftler unerlässlich.

Roland Hemmauer M.A

Wann ist ein Mann ein Mann?

Ein übergroßer Teil der Sprachen der Welt verwendet Nomina als sprachliche Zeichen zur Benennung von Entitäten in der Welt. Nach allgemeiner Auffassung ist es dabei die Aufgabe dieser Nomina, auf etwas „Zeitstabiles“ zu referieren. Die Objekte der Welt, die durch sie benannt werden, zeichnen sich also durch Kontinuität aus. Ein Baum bleibt ein Baum – unabhängig davon, wann und wie oft ich hinsehe – und wird nicht unvermittelt und unentwegt zu etwas anderem, das jedesmal nach einer neuen Bezeichnung verlangt. Die Identität eines Objekts ist ganz entscheidend von dieser Erfahrung der Kontinuität abhängig, was sich auch in Sprache widerspiegelt.


Entgegen dieser Alltagserfahrung wird der Vortrag diese Kontinuität hinterfragen und sich dem Umstand widmen, dass auch Nomina durchaus eine Art „Ablaufdatum“ besitzen und die Anwendbarkeit der durch sie geleisteten Benennungen auf Objekte der Welt gewissen Beschränkungen unterliegt. Herbert Grönemeyer hat dies in seiner berühmten Frage, wann ein Mann ein Mann sei, exemplarisch sehr treffend in Worte gefasst.


Verschiedene Sprachen der Welt haben Strategien entwickelt, mit diesen Beschränkungen auch grammatikalisch umzugehen. Der Vortrag wird anhand dreier indigener Sprachen Südamerikas aus drei verschiedenen Sprachfamilien (der Tupi-Sprache Guaraní, der Karib-Sprache Katwena und der Arawak-Sprache Tariana) zeigen, wie grammatische Systeme mit sich verändernden Identitäten von Objekten umgehen und insbesondere Zeitlichkeit, Identität und Kontinuität miteinander verknüpfen. Im Mittelpunkt steht dabei das in diesen Sprachen anzutreffende Phänomen der sog. „nominalen Tempora“, die dazu dienen, die zeitliche Anwendbarkeit von Benennungen einerseits einzugrenzen und andererseits auf Situationen auszudehnen, in denen diese Benennungen eigentlich keine Gültigkeit besitzen. Ein zu Holz verarbeiteter Baum ist eben kein Baum mehr – aber wie sollte man ihn sonst benennen? Der Vortrag wird die einzelnen grammatikalischen Strategien vorstellen, mithilfe derer diese Sprachen mit sich verändernden Identitäten und den dahinterliegenden Kontinuitäten „spielen“, und die Bedingungen betrachten, unter denen diese Strategien zum Einsatz kommen.

Prof. Dr. Paula-Irene Villa

Gender Gaga

Sprache und Identität. Soziologische Beobachtungen.
Derzeit wird erneut intensiv über den Zusammenhang von Sprache einerseits und individuellen, gruppenbezogenen Identitäten andererseits diskutiert. Besonders heftig fällt die Debatte rund um ‚Gender‘ aus, bei der sowohl Verfechter_innen wie Gegner des so genannten ‚genderns‘ von allzu einfachen Zusammenhängen ausgehen. Der Vortrag befasst sich aus soziologischer Sicht mit dem Zusammenhang von Sprache - etwa Begriffe oder Genus-Angaben - und personaler Identität. Im Mittelpunkt steht die These, dass dieser Zusammenhang weitaus komplexer und kontingenter ist als vielfach angenommen und dass dieser Zusammenhang zudem als Teil komplexer Sozialität verstanden werden muss.

Dr. Marketa Spiritova

Sprache, Geschichte, ‚Kultur‘ in Ostmitteleuropa

Die Formulierung antikommunistischer Selbstbilder und Identitäten in den Ländern des östlichen Europa fußt seit den 1990er Jahren zum einen auf Helden-, besonders aber auf Opfernarrativen, die vom Leiden des „eigenen Volkes“ unter nationalsozialistischer Besatzung und unter der kommunistischen „Fremdherrschaft“ erzählen. Zum anderen erfolgen die Identitätskonstruktionen nach 1989 mit einem Rekurs auf nationale Mythen und Erinnerungsorte der Nationalen Wiedergeburten sowie auf Konzepte, mit denen sich die ostmittel- und südosteuropäischen Nationen im Zuge der Emanzipationsbewegungen im 19. Jahrhundert als „Kulturnationen“ im Herder’schen Sinne erfanden. Der Historismus sowie der sprachliche und kulturelle Nationalismus spielen damit auch heute eine wichtige Rolle im Prozess des nation re-building. Dabei lässt sich die Renaissance essentialisierender und ethnisierender Narrative und Argumentationsmuster in staatspolitischen wie in populärkulturellen und alltäglichen Kontexten beobachten. Das heißt, dass in allen Bereichen der Alltagskultur kollektive Wissensvorräte bzgl. nationaler Identität (re-)produziert, legitimiert oder infrage gestellt werden. Anhand von Beispielen aus dem östlichen Europa soll im Vortrag gezeigt werden, dass und wie in der populären Kultur, und hier besonders in der Musik, auf diese (ethno-nationalen) Identitätsangebote zurückgegriffen wird, gerade auch um nationalistische Haltungen durchzusetzen.

Prof. Dr. Martin Lehnert

Sprache und Identität: Sprache Brahmas

Inwiefern implizieren vormoderne Sprachbeschreibungen ein geschlossenes Sprachverständnis, das als Hinweis auf ein historisches Bewusstsein etwa der „eigenen“ Sprache im Unterschied zu einer anderen, „fremden“ Sprache verstanden werden kann – und damit im nächsten Schritt als Grundlage von (gruppenspezifisch konstruierter) Identität? Setzen sie bereits einen allgemeinen Sprachbegriff voraus, der die Möglichkeit von Vergleichbarkeit, Erlernbarkeit und Übersetzbarkeit von (Fremd-)Sprache(n) vorsieht, und vor allem: Sprache als ein Medium versteht, das von der Teilnahme an einem Kommunikationssystem abhängig macht und damit auch sprachspezifischen Konstruktionen von Identitäten Vorschub leistet?


Am Beispiel von historischen chinesischen Sprachbeschreibungen der sogenannten „Sprache Brahmas“ – also des Sanskrit bzw. der Prakrits, aus denen zwischen dem 2. und 11. nachchristlichen Jahrhundert die Masse buddhistischer Texte ins Chinesische übersetzt wurde – möchte ich umreißen, in welchem Ausmaß historische Beschreibungen beispielsweise der Grammatik ein geschlossenes Verständnis von „fremder“ Sprache implizieren, und dann als Gegenprobe das Augenmerk auf religiös begründete Auffassungen von Sprache richten, welche Sprachgrenzen inklusivistisch in Funktionszusammenhängen aufheben, die eher Problemen der Mengenlehre ähneln, kaum jedoch historische, genealogische oder gar ethnozentrische Begründungen voraussetzen.

Dr. Zsófia Schön

Die Chanten und ich - Was sie machen, was sie ausmacht!

Die Chanten leben in Nordwest-Sibirien entlang des Ob und dessen Nebenflüssen. Wie das Gebiet, die sibirische Taiga und Tundra, das sie bewohnen, groß ist, so unterschiedlich sind auch ihre Lebensweisen: sie reicht von nomadisierender Rentierhaltung über Jäger und/oder Fischer bis hin zu Stadtbewohnern. Der Vortrag illustriert mit Photographien diese Lebensweisen und -gebiete sowie das Weiterleben der chantischen Traditionen im XXI. Jahrhundert. Basierend auf Feldforschungserfahrungen wird ein persönlicher Versuch unternommen, die Frage zu klären was das Chantisch-Sein heute bedeutet, welche sichtbaren und unsichtbaren Zeichen es dafür gibt und ob man dazugehören kann.

PD Dr. Eva Reinisch (Heute Prof. Dr.)

My English sounds better than yours

Second language (L2) learners often face the challenge of having to perceive and produce non-native sounds and sound contrasts. In perception this is usually reflected in slower and less accurate word recognition in the L2 and in production it surfaces as accented pronunciation. However, it has been shown that speakers of the same first language (L1) may be better at understanding accented speech than native listeners of the L2, specifically if the accent matches the learners' own accent. This may be due to shared knowledge about the phonetics of the L1 and/or accented representations in the learners' mental lexicon, for instance, due to frequency of exposure.
In my talk I will hypothesize that the most frequently heard speaker is oneself, hence there may be an intelligibility benefit for self-produced words that goes beyond the mere own-accent benefit. Critically, if such a benefit was found this could be one aspect to explain why it is so hard to overcome one's own accent in the L2. If one's own productions were recognized more easily and perceived as better than others' productions (of the same accent and proficiency) then the need to improve may not be obvious. I will present two empirical studies that addressed these issues.

Eger, N. A., & Reinisch, E. (2019). The impact of one's own voice and production skills on word recognition in a second language. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 45, 552-571. doi: 10.1037/xlm0000599

Mitterer, H., Eger, N. A., & Reinisch, E. (under review). My English sounds better than yours: Second-language learners perceive their own accent as better than that of their peers.

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