Fachschaft Sprachwissenschaft
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ISAR - On Ice 2021

07.03.2021 – 24.03.2021

 Liebe Studierende,

es ist wieder so weit, eine neue ISAR-Veranstaltung steht an!

Das Konzept ISAR: Um den wissenschaftlichen Austausch unter Studierenden zu fördern, wurde das Konzept der ISAR an der LMU München (Interdisziplinäre Sprach(schafts)-Akademie-Reihe) ins Leben gerufen. Interdisziplinarität ist das Leitmotiv. Dies war auch der rote Faden der Sommerakademie 2019, "Interdisziplinäre Perspektiven in der Linguistik", der digitalen Winterakademie 2019-20 "Sprache, Politik und Gesellschaft" und der digitalen ersten Ausgabe der ISAR-Reihe im Sommer 2020 zu den Forschungsfeldern: Cognitive Linguistics, Soziolinguistik (Genderlinguistik) und Sprachminderheiten.

"ISAR 2021 - On Ice" (Winterausgabe) behandelt die Themen Ethnolinguistik und Psycholinguistik in fünf spannenden Seminaren und findet von Montag dem 22.03.2021 bis Mittwoch dem 24.03.2021 statt. Leider müssen wir bedingt durch die Corona-Pandemie wieder auf ein Online-Format über die Plattform Zoom ausweichen.

Hier findet ihr den voraussichtlichen Zeitplan 2021:

 

Montag, 22. März  Dienstag, 23. März  Mittwoch, 24. März 
14 Uhr c.t.

Dokumentation bedrohter Sprachen

Prof. Dr. Katja Hannß

Bestimmt die Sprache das Denken?
PD Dr. Peter-Arnold Mumm

16 Uhr c.t.

 

Edward Sapirs Beschäftigung mit Nuu-chah-nulth ("Nootka") und deren Einfluss auf sein Denken über Sprache und Kultur
Dr. Henry Kammler
Polyphonie in der Kommunikation – Wie beeinflusst die Gesellschaft unser Sprechen?
M.A. Mia Klee
SprachKultur und MehrsprachigkeitsIdenität
Prof. Dr. Anke Werani

19 Uhr c.t.

Virtuelle Kneipentour
Fachschaft Sprachwissenschaften

Dokumentation bedrohter Sprachen

Prof. Dr. Katja Hannß

Von den etwa 6000 Sprachen, die weltweit gesprochen werden, sind nach Schätzungen der UNESCO mindestens 43% bedroht (UNESCO 2011: 4, 6) und weiteren Schätzungen zufolge werden in der Mitte des nächsten Jahrhunderts nur noch etwa 300 Sprachen aktiv verwendet werden (Krauss 1998: 105). Aus diesem Grund gewinnt der Bereich der Dokumentation bedrohter Sprachen seit etwa 30 Jahren zunehmend an Bedeutung. In dieser Veranstaltung sollen einige Aspekte der Dokumentation bedrohter Sprachen beleuchtet werden. Nach einer Einführung in die Thematik, in der auch u.a. die Gründe für Sprachbedrohung vorgestellt werden, soll ein Schwerpunkt auf dem Bereich der Feldforschung liegen. Neben Beispielen aus der Feldforschung werden wir uns dabei auch mit den technischen Werkzeugen zur Sprachdokumentation und -beschreibung befassen sowie die Möglichkeiten und Grenzen der Revitalisierung moribunder bzw. bereits ausgestorbener Sprachen ausloten. Im Anschluss soll der Zusammenhang zwischen der Dokumentation bedrohter Sprachen und der Kognitiven Linguistik behandelt und die Dokumentation bedrohter Sprachen kritisch diskutiert werden.

Edward Sapirs Beschäftigung mit Nuuchahnulth ("Nootka") und deren Einfluss auf sein Denken über Sprache und Kultur

Dr. Henry Kammler

Edward Sapir (1884–1939) gehört ohne Zweifel zu den intellektuellen Giganten der empirischen Sozialwissenschaften des frühen 20. Jahrhunderts. Ausgestattet mit profundem altphilologischem Rüstzeug und einem sehr feinen Gehör erwies er sich als ausgezeichneter Feldforscher, dessen linguistische und ethnographische Dokumentationen seine Bandbreite an Interessen sowie den Boas’schen Holismus reflektierten und bis heute unschätzbare Ressourcen für die Nachfahren der Beforschten und die Wissenschaft darstellen. Hinzu kommen eine große intellektuelle Beweglichkeit und eine analytische Schärfe bei der Erschließung sprach- und kulturimmanenter Strukturen, die für ihn immer auch von Bedeutung für die Weiterentwicklung großer kulturwissenschaftlicher Fragestellungen waren. Zwar häufig als einer der Gründer des „amerikanischen Strukturalismus“ genannt, erscheint Sapir heute in der Linguistik und mehr noch in der Ethnologie als eine historische Randfigur, was sicher auch mit den Entstellungen seines theoretischen Denkens durch die Erfindungen der so genannten Sapir-Whorf-Hypothese (gegen die sich weder Sapir noch Whorf nach beider früher Tod zur Wehr setzen konnten) zusammenhängt. Für einige der 39 von Sapir dokumentierten nordamerikanischen Sprachen legte er nach nur relativ kurzer Forschung umfangreiche Grammatiken, Textsammlungen und Ethnographien vor (Takelma, Wishram), andere Sprachen begleiteten ihn längere Zeit in seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Hier sticht das auf Vancouver Island gesprochene Nuuchahnulth (Nootka) besonders heraus, mit dem er von seiner ersten Feldforschung 1910 an bis zu seinem Tode immer wieder befasst war. Nuuchahnulth – heute hochgradig bedroht – ist eine polysynthetische Sprache mit einem für das nordwestliche Nordamerika typischen Reichtum an Konsonantenphonemen. Ihre morphosyntaktische und lexikosemantische Komplexität bietet zahlreiche Herausforderungen für den analytischen Zugriff. Im Vortrag soll auf einige zentrale Punkte in Sapirs Denken über Sprache und Kultur im Lichte seiner Nuuchahnulth-Beschäftigung eingegangen werden.

Bestimmt die Sprache das Denken?

PD Dr. Peter-Arnold Mumm

Die Frage, ob die Sprache das Denken bestimmt, gilt bis heute als nicht gelöst. Das liegt auch daran, dass sie unklar gestellt ist.

1. Mit Denken kann mehrerlei gemeint sein. Wer intuitives (unüberlegtes, schnelles, automatisiertes) Denken im Sinn hat, findet viele Belege zugunsten der Relativitätsthese. Wer reflexives (überlegtes, langsames, mühevolles) Denken im Sinn hat, tut sich mit solchen Belegen deutlich schwerer.

2. Die Sprache als externen Einflussfaktor gibt es nicht. Sprache ist menschengemacht. Sie ist das sich immer wieder neu verfestigende Resultat von Sprechgewohnheiten, die sich ihrerseits via Entrenchment und Konventionalisierung aus Kognition und Kommunikation ergeben. Die Frage, ob "die Sprache das Denken bestimmt", scheint also auf die Frage hinauszulaufen, ob die Gewohnheiten von Kommunikation und Kognition das gewohnheitsmäßige Denken bestimmen. Das klingt fast tautologisch, offenbart aber zwei Kausalitäten:

a. Die verfestigten Formen von Kommunikation und Kognition nehmen Einfluss auf die aktuellen Formen von Kommunikation und Kognition, soweit diese gewohnheitsmäßig ablaufen.

b. Sprecher prägen Sprache und nehmen damit Einfluss auf andere Sprecher.

Ad a. Die Sprachtypologie bietet zahllose Beispiele unterschiedlicher Kommunikations- und Kognitionsgewohnheiten. Tag für Tag trainieren sich Sprecher in ihren sprachspezifischen Sprechgewohnheiten. Wie jede oft wiederholte Tätigkeit gräbt sich der tägliche Sprachgebrauch mit all seinen phonologischen, morphologischen, semantischen, syntaktischen und pragmatischen Besonderheiten in selbstverstärkender Weise in die Sprechgewohnheiten ein. Auch ohne psycholinguistische Experimente kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass Sprecher verschiedener Sprachen verschiedene Ausdrucksgewohnheiten und damit auch verschiedene Gewohnheiten intuitiven Denkens haben. Psycholinguistische Experimente bestätigen das – wenig überraschend.

Ob Sprachstrukturen auch auf reflexives Denken übergreifen, ist dagegen strittig. Sprachphilosophen halten viel für möglich. Ein prominenter Sonderfall ist das Streben nach Political Correctness (PC). Hier geht es allerdings nicht um Erkenntnistheorie, sondern darum, dass Sprachstrukturen das Denken bestimmen sollen.

Ad b. Hinter der PC-Bewegung steht die Idee einer gesellschaftlichen Aufklärungs- und Erziehungsarbeit. Unterschwelliger und absichtsvoll manipulativ funktioniert die Einflussnahme von Sprechern auf andere Sprecher dann, wenn das intuitive Denken angesprochen wird. Aktuelle Beispiele für Manipulation durch Begriffsbesetzung und Framing sind etwa Experte und Verschwörungstheoretiker.

3. Die Idee von der Sprache als einer anonymen Macht, der die Sprecher ausgeliefert sind, löst sich daher, bei Lichte betrachtet, in Luft auf. In Wahrheit walten andere Kausalitäten. Die Sprache selbst bietet auf jeder Ebene – Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Pragmatik – ein Arsenal von Möglichkeiten kreativen Sprechens und damit auch produktiver Weiterentwicklung dieses Arsenals. Das ist der Grund, warum Sprache sich wandelt und schon immer gewandelt hat. Der Wandel zeigt, dass die Sprecher in einem fort mit oder ohne Absicht an der Sprache arbeiten und deren Strukturen und Grenzen ändern.

Warum ist die Frage, ob die Sprache das Denken bestimmt, dann nicht längst erledigt? Das bleibende Faszinosum scheint die Idee eines gemeinsamen kognitiven Schicksals zu sein. "Wir", die Sprecher einer Sprache, die Mitglieder einer Sprechgemeinschaft, imaginieren uns als Mitglieder einer von uns nicht kontrollierbaren schicksalhaften Denk- und Empfindungsgemeinschaft. Und "wir", als Menschen im Allgemeinen, imaginieren uns als Wesen, die die Welt nur durch sprachliche Brillen sehen können, niemals so, wie sie ist. Beweisen lässt sich beides zwar nicht. Aber man kann es sich vorstellen. Das scheint zu genügen.

Humboldt hat es nicht so gesehen.

Polyphonie in der Kommunikation - Wie beeinflusst die Gesellschaft unser Sprechen?

M.A. Mia Klee

Beeinflusst die Gesellschaft unser Sprechen? Diese Frage stellt sich, wenn man Floskeln wie „Zucker ist nicht gesund“, „Du solltest mehr Salat essen“ oder „Das macht man nicht!“ hört. Wer ist „man“ und wer hat entschieden, was für Einzelpersonen gesund ist und was nicht? Und wieso kennt man diese und ähnliche Sprüche gut genug, dass man sie manchmal auch zu sich selbst denkt?

Wie sich solche „fremden Stimmen“ in unsere Gespräche oder Gedanken einschleichen ist einer der Aspekte, den ich im Zuge meiner Dissertation untersuche. Dabei gehe ich davon aus, dass Sprecher die Stimmen anderer mehr oder weniger bewusst als Werkzeug einsetzen können, um gewisse Sprechabsichten in die Kommunikation einzubauen. Dazu beleuchte ich Sprache in der Interaktion („langugae-in-communication“) mithilfe psychologischer und linguistischer Theorien/Methodiken wie der Theorie des dialogischen Selbst und der Konversationsanalyse. Im Vortrag gebe ich einen kleinen Einblick, wie uns die Gesellschaft zu einem polyphonen Wesen machen kann.

SprachKultur und MehrsprachigkeitsIdentität

Prof. Dr. Anke Werani

Ein Großteil der linguistischen Forschung bezieht sich auf monolinguale Sprecher. Aktuell ist es jedoch so, dass Mehrsprachigkeit von Individuen im Rahmen der Globalisierung stetig zunimmt. Hier stellen sich allgemeine psycholinguistische Fragen unterschiedlichster Art beispielsweise zur Sprachentwicklung und Sprachverarbeitung. Es stellen sich jedoch auch Fragen zur Identitätsbildung, also wie Identität mit verschiedenen Sprachen (und verschiedenen zugrunde gelegten Kulturen) geformt wird. In diesem interaktiven Vortrag sollen zwei Aspekte fokussiert und gemeinsam reflektiert werden. Zur Orientierung dienen die genannten Leitfragen: (1) SprachKultur: Wie hängen Sprache und Kultur zusammen? Wie entstehen sprachliche Kulturstereotype? (2) MerhsprachigkeitsIdentität: Was ist mit Mehrsprachigkeit gemeint? Wie bilden Individuen mit mehreren Sprachen und verschiedenen Kulturen ihre Identität aus? Die Komplexität der Ausbildung von Identität bei mehrsprachigen Individuen wird somit thematisiert und aufgezeigt, dass mehrsprachige Individuen je nach Sprache durchaus auch unterschiedliche Merkmale in ihrer personalen Identität aufzeigen.

 

Anmeldung

Hier könnt ihr euch bis zum 20.03.2021 anmelden:

https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSeqExyhaOFefKA67xiSrfX_0-5I1kQQUjI1rkKuHZdVtqEaXA/viewform

Bitte schließt die Anmeldung aufgrund der knappen Frist am besten so früh wie möglich ab.

Gerne dürfte ihr auch euren Kommilitonen von der "ISAR 2021 – On Ice" erzählen!

Die Links für die Seminare sowie die virtuelle Kneipentour werden kurz vor Beginn der ISAR - On Ice an angemeldete Teilnehmer versandt.

Bei Fragen könnt ihr uns gerne jederzeit auf Instagram https://www.instagram.com/sprachschaft.lmu/ oder an kontakt@sw.fs.lmu.de schreiben.

Wir freuen uns auf euch! :-)